Einer der Gründe dafür, dass ich anfangs meinem Bufdi-Jahr ziemlichen Respekt zollte, waren die fünf  Seminare, die über das Jahr verteilt statt finden sollten und deren Sinn ich bis zuletzt nie wirklich verstanden hatte. Direkter gesagt: der Gedanke daran, fünf mal fünf Tage mit 120 anderen Bufdis und Bufdinnen in einer Jugendherberge mitten im mehr oder (eher) weniger schönen Karlsruhe eingepfercht zu sein und soziale Spielchen a la „Hallo ich bin Christophenopelis und ich bin ein Clown-Fisch.“ zu spielen, hatte ihn mir nicht gerade Jubelschreie geweckt. Die Vorstellung war einfach nur grauenvoll. Ich war noch nie ein Fan von Teambuilding gewesen und trotz dessen bin ich mir ziemlich sicher, dass ich kein asozialer Mensch bin. Ich denke einfach, dass man Freundschaften und Zusammenhalt auf anderen Wegen schließt. Zum Beispiel bin ich mir relativ sicher, dass ich Menschen mehr über mich verrate, wenn ich mit ihnen ungezwungen ins Gespräch über unsere Musikgeschmäcker komme, als wenn ich ihnen „verrate“, dass ich als Tier gerne ein Elefant wäre. Und dass Schlüsselwort liegt hier bei ungezwungen. Denn ganz ehrlich: Man kann Menschen nicht zwingen, sich zu verstehen. Man kann Menschen beibringen, sich mit Respekt zu behandeln und aufkommende Konflikte zu lösen, das ja. Doch das lernt man bei Teambuilding ja so gut wie nie. Nach meinen Erfahrungen ist das einzige was man dort lernt, sich solange zu blamieren, bis man so selbstbewusst ist, dass es einen nicht mehr stört. Denn es gibt Spiele, bei denen man einfach nicht drum herum kommt, blöd dazustehen! An sich wäre das ja keine schlechte Sache…nur ist das Teambuilding dafür immer zu kurz. Man erreicht also nie das erwünschte Selbstbewusstsein, sondern bleibt immer nur beschämt mit dem Gedanken zurück, wie ein kompletter Vollidiot bei den anderen dazustehen.

Ja Freunde- wie ihr euch wahrscheinlich beim Lesen schon gedacht habt, war Teambuilding in meiner Vergangenheit schon immer ein potentieller Traumata-Faktor. Doch kommen wir zu meinen Seminaren zurück. Wie bereits erwähnt, war ich mir also ziemlich sicher, den Ablauf mehr oder weniger zu kennen. Denn ich wusste, dass wir nichts Inhaltliches lernen würden, da wir alle in verschiedenen Bereichen tätig sind. Heißt also: Teambuilding! Woohoo!

Dienstag machte ich mich also auf den Weg, begleitet von dem Mantra: Die Leute können dir sch***egal sein, Christophenopelis…Sei einfach du selbst…wenn sie dich nicht mögen-egal. Wenn sie dich für total krank halten-egal. Wenn sie sich denken: ist das Kunst oder kann das weg?- auch egal. Du siehst sie nur fünf mal in deinem Leben… Als ich finally am Karlsruher Bahnhof ankam, Adresse in der einen Hand, Navi in der Anderen, lief direkt ein Mädchen auf mich zu und fragte, ob ich auch zum Bildungszentrum müsste. (Später erzählte sie mir, dass meine fehlende Orientierung mir ins Gesicht geschrieben stand…tja, die habe ich halt wirklich nie.) Jedenfalls hatte ich mal wieder einfach Glück. Denn, wie sich kurz darauf heraus stellte, hatte sie nicht nur dieselben Bedenken, sondern war auch noch im selben Kurs UND auf demselben Zimmer. Erleichterung hoch 10! Denn ohne abwertend klingen zu wollen…der Großteil war nicht die Art von Mensch mit denen ich gerne Freundschaften schließe. Sprich: HeyMitMirKannManFeiernMitMirHatManSpaß-Menschen, die du aber in Sachen Zuverlässigkeit und Vetrauen direkt in die Tonne treten kannst. Ich weiß nicht warum-vielleicht weil ich zu uncool bin- aber ich suche mir automatisch immer (ohne es zu groß zu beabsichtigen) die Ruhigeren, die lieber Spiele spielen, reden oder Filme schauen als nachts im Autocorso über Bahnschienen zu fahren. (Japp, genau das hat sich zugetragen während wir brav im Kinosaal saßen und Schokolade gegessen haben.)

Haltet mich jetzt bloß nicht für ein alkoholfeindliches Mauerblümchen. Ich geh auch gerne feiern und hatte auch schon Abende, an denen ich den ein oder anderen Shot lieber hätte sein lassen, aber solche Abende genieße ich mit Leuten auf die ich mich zu hundert Prozent verlassen kann und die mir sympathisch sind. Glücklicherweise sehe ich das Menschen meistens schon an, ob sie zuverlässig sind oder nicht. Alles in allem heißt das also: Lieber ein ruhiger, netter Abend mit Menschen, mit denen ich mich auch ohne Alkoholeinfluss verstehe, als nachher betrunken in irgendeinem Club alleine da zu stehen, weil die angeblichen Freunde sich verdünnisiert haben. Am Ende des ersten Tages war ich dann also schon in einem netten Grüppchen, das aus meiner Mitbewohnerin und drei anderen aus meinem Kurs bestand. Natürlich habe ich sie auch bearbeitet mit mir in einen Club oder eine Bar zu gehen (wir 18-jährigen hatten abends/nachts unendlich Freiraum, was ich natürlich auch nutzen wollte), aber als sie das ablehnten war das für mich dann auch in Ordnung.

Zum Seminar selbst: Meine ganzen Vorurteile haben sich mal wieder nicht bewahrheitet… Es war kein wirkliches Teambuilding, sondern…tja, was war das eigentlich? Unser Dozent war aufjedenfall der coolste Typ auf Erden. Ein ca. Mitt-Sechziger, der jeden Morgen mit Lederhut, Motiv-Socken und strahlendem Gesicht ins Zimmer schritt und darauf bestand, dass jeden Morgen einer von uns zu Beginn ein Lied abspielt, das derjenige mag. Er lehrte uns jetzt schon, in den paar Tagen, unglaublich viel über das Leben-durch sein vielfältiges Wissen in allen Bereichen und vorallem durch die Projekte, die wir durchführten.

Die interessanteste Erfahrung war für mich die Rollifahrt durch Karlsruhe. In Zweiergruppen erhielten wir jeweils einen Rollstuhl und wurden dann in der Stadt freigelassen- einer als „Behinderter“, der andere als Assistent. Unser Dozent riet uns shoppen zu gehen, ein Behindertenklo zu besuchen und einfach alles auszuprobieren, das für „Rollies“ kompliziert werden könnte. Und ich muss euch ehrlich sagen: solch eine intensive Erfahrung macht man wirklich selten. Zuerst fühlte ich mich noch ganz wohl, so nach dem Motto: Uh wie praktisch! Shoppen gehen, eingemummelt in eine Decke und ohne mich bewegen zu müssen-das hat schon was. (They see me rollin‘, they’re hating…) Das Einkaufscenter hatte zudem große Fahrzüge und die Gänge waren auch zur Genüge breit. Natürlich lag es aber vorallem daran, dass ich mich in die Lage einfach noch nicht richtig reinversetzen konnte. Doch sobald wir das Viertel wechselten und kleinere Läden besuchten, wurde es schon unangenehmer. Im Fossil war ich offensichtlich allen im Weg, denn die Gänge sind dort ja immer extrem schmal und zudem muss man dort auch noch Angst haben, irgendwelche wertvollen Gegenstände umzuschmeißen. Im Vero Moda waren die Verkäuferinnen überfreundlich und fingen an, alle möglichen Kleiderständer aus dem Weg zu räumen. (Wir waren wohl nicht die einzigen, die merkten, dass der Laden null behindertenfreundlich war…) Der Burner kam aber erst noch: Als ich etwas anprobieren wollte und nach den Umkleiden fragte, war der Verkäuferin Mitleid und Schuld ins Gesicht geschrieben und sie entgegnete, dass die Umkleiden in einem anderen Stockwerk seien und es keinen Aufzug gäbe. Ob ich mich nicht einfach in einer hinteren Ecke umziehen könnte…Yeeah! Danke und auf nimmer Wiedersehen. (Der Mantel, den ich anprobieren wollte, war leider wirklich cool!)

Dann haben wir aber doch noch einen unglaublich tollen Laden mit alternativen Klamotten und Deko in einem unbesuchten Hinterhof entdeckt. Ich war selten so begeistert beim Shoppen! (Ich glaub, ich hab mich verliebt!) Die Verkäufer waren  auch extrem lieb und symphatisch und ich bin mir ziemlich sicher, dass es hierbei kein Mitleid war, das ihr Verhalten steuerte. Sie gaben uns zum Abschied noch Gutscheine für einen Burgerladen um die Ecke mit. Anscheinend der beste Burgerladen der Stadt (- was wir später auch bestätigen konnten). Dort wollten wir den ereignisreichen Vormittag ausklingen lassen. Woran wir natürlich nicht gedacht hatten? Auch in Restaurants können Behinderte unerwünscht sein… Also damit ihr euch die Endsituation vorstellen könnt: Ihr schaut frontal auf ein hippes Burgerrestaurant, die Tür öffnet sich, Menschen gehen ein und aus, lachen, reden und stolpern halb über zwei Rollstuhlfahrer, die bereits seit zwanzig Minuten frierend, mit Blick in eure Richtung und mit Bremsen angezogen vor dem Schaufenster stehen und sehnlichst darauf warten, dass ihre Freundinnen sie endlich-mit Burgern to Go in der Hand- aus dem Zustand des „wie bestellt und nicht abgeholt“ befreien würden. 

Also einen großen Respekt an alle Rollstuhlfahrer da draußen, die sich täglich souverän, tapfer und vorallem oft auch alleine durch die vollen und vom Verkehr beherrschten Städte kämpfen! (Betonung auf „alleine“, da ich beim Versuch mich selbst anzuschubsen nach 5 min gescheitert war…)

Was ich euch durch diesen (für mich) ellenlangen Eintrag letztlich deutlich machen wollte: Ich bin vermutlich nicht die einzige, die oftmals mit einem Tunnelblick durchs Leben läuft. Lasst uns:

  1. nicht vorschnell urteilen und die Zukunft verteufeln (in meinem Fall war es das Seminar, dem ich schon im Vorraus keine Chance gegeben habe und das letztlich dann sogar wie Urlaub war…)
  2. mehr auf unsere Umwelt und Mitmenschen achten und den Tunnelblick öfters mal in eine Panorama-Aussicht verwandeln. ( Urgh, das war selbst mir zu kitschig… Sorry Al!)

Falls ihr das gleiche oder ähnliche Projekte schon einmal durch geführt habt oder sogar selbst im Rollstuhl sitzt-schreibt mir eure Erfahrungen!

So oder so, haut rein und habt Spaß, was auch immer ihr tut! (Vergewaltigung und Mord ausgenommen.)

eure Christophenopelis

Song der Woche: „Halfway Gone“ von Lifehouse (laut aufdrehen und mitgrölen!)

Advertisements

Ein Gedanke zu “Hilfe! 4 Tage Sozialität…oder: Warum ein Perspektivwechsel manchmal gar nicht so schlecht ist

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s